Sehr geehrte Damen und Herren,
nachdem ich mein AiP in der Chirurgie absolviert habe, bin ich in eine Rehabilitationsklinik für Orthopädie gewechselt. Die Arbeitszeitregelung für Ärzte hat es zu dieser Zeit zugelassen, dass man Nachtdienste geringer Bereitschaftsstufe praktisch unbegrenzt machen konnte. Mit 12-14 Dienste im Monat ohne Freizeitausgleich, war ich wöchentlich zwischen 80 und 120 Stunden am Arbeitsplatz. Aufgrund damaliger politischer Entscheidungen, wurden Rehamaßnahmen im Allgemeinen von vier auf drei Wochen reduziert. Dadurch hat sich abgezeichnet, dass die Klinik früher oder später ihre Existenz aufgeben muss und so wurde mein Vertrag nicht verlängert.
Zu dieser Zeit habe ich mich in meiner Persönlichkeit unfrei gefühlt, die Medizin war mir zu hierarchisch, zu ernst, zu eng und ich wollte mich körperlich, geistig und seelisch entfalten und endlich Dinge tun, für die ich während meiner ärztlichen Tätigkeit in der Klinik keinen Freiraum hatte. Ich wollte meine künstlerische Energie ausleben, ausgewählte Literatur lesen und mich als Freidenker unbegrenzt treiben lassen. Auch sportlich wollte ich noch an verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Vielleicht habe ich auch unbewusst nach Antworten auf das Leben gesucht, die ich mir bei einem geradlinigen Lebenslauf nicht hätte beantworten können. Nebenbei habe ich noch an meiner Dissertation gearbeitet, die ich Ende 1999 mit der Promotion abgeschlossen habe.
Als ich 1993 einen Teil des Praktischen Jahres in der Psychiatrie in einer Abteilung für akute Psychosen abgeleistet habe, bin ich mit Menschen konfrontiert worden, deren Behandlung durch die Psychiatrie und Andersartigkeit dieser Menschen viele Fragen über die Gesellschaft, ihre Normen und Funktionen bei mir aufgeworfen haben.
Nach eingehender Lektüre psychologischer und anderer Literatur über die Jahre, im Zuge meiner Schauspielausbildung, habe ich einen distanzierten Blick auf die Gesellschaft, das System, wissenschaftliche Einrichtungen und sonstige Institutionen bekommen, die den Menschen in unserem Volk weismachen, was richtig und was falsch ist, was normal und was nicht normal ist und was krank und was gesund ist. Mit anderen Worten: Das Volk wird permanent belogen und unter fadenscheinigen Erklärungen hinters Licht geführt.
Mir ist aufgefallen, dass die Psychologie als Wissenschaft sich hinter irgendwelchen Regeln versteckt, die bei genauer Betrachtung weder mit psycho-logisch, noch mit dem Menschen als lebendiges Wesen etwas zu tun haben. An dieser Psychologie ist nicht viel logisch! Obwohl vor über 100 Jahren die empfindsamsten Autoren, Menschenkenner und Psychologen schon in ihren Texten darauf hingewiesen haben, dass man, will man einem Menschen helfen, mit ihm in gewisser Weise in Kontakt treten „muss“ und man bei sich selbst alles zulassen muss um auch das außergewöhnlichste in sich selbst erspüren und nachvollziehen zu können. Sogar eine seriöse psychologische Zeitschrift schreibt im Jahr 2010 (also 100 Jahre später, bravo), dass die sterilen und technischen Therapiesitzungen nicht den gewünschten Erfolg versprechen. Trotzdem will die Wissenschaft die menschliche Seele systematisieren und kategorisieren, wobei bestimmten Vorgängen dann Bezeichnungen im schlimmsten Falle Diagnosen zugeordnet werden.
Nicht nur aus meinem Bekanntenkreis, sondern auch aus Interviews mit fremden Menschen, bekommt man häufig und immer wieder zu hören: „Die Therapie hat nichts gebracht“, „die Therapie hat wenig gebracht“, „der (Therapeut) hat überhaupt nicht verstanden, was mit mir los ist“. Immer wieder die gleichen Aussagen. Die Schlussfolgerung ist nicht meine, es ist die Schlussfolgerung, die man ziehen muss. Alle die gescheiterten Therapien haben nur einen einzigen Grund: Distanz, Abgrenzung und Abstinenz. Die Therapeuten verschanzen sich hinter ihrer starren Technik und scheitern immer wieder an der gleichen Stelle. Ihrer eigenen Angst. Die menschliche Seele ist ständig in Bewegung und genau so beweglich und unkalkulierbar, wie sich eine menschliche Seele verhält, sollte sich auch die Therapie verhalten, sonst wird eine künstliche Situation in der Therapie erschaffen, die nie tiefgreifende Veränderungen in der Seele erreichen kann und wenn überhaupt, dann nur vorübergehend den Anschein einer Besserung macht.
Als ich im Jahr 2004 ein paar Dienste in einer psychologisch arbeitenden Klinik gemacht habe, bin ich sofort darauf hingewiesen worden, die ärztliche Distanz zu den Hilfesuchenden einzuhalten. Also genau das nicht zu tun, was diese Menschen am allernötigsten gebraucht hätten, zu ihnen Kontakt aufzunehmen, ohne Distanz. An Stelle dessen hat man mit diesen Menschen psychologische Experimente gemacht, es gab Zusammenbrüche und Therapieabbrüche und die Ärzte sind immer schön in ihrem hilflos, ängstlich-überheblichen Psychologenanstrich auf Distanz geblieben. Mit einer stoischen Überheblichkeit und technisierten Arbeitsweise haben sie die Hilfesuchenden eingeschüchtert und wollten sie dann zur richtigen Stunde – der Therapiestunde – plötzlich und geplant heilen. Jeder weiß, das so etwas nicht funktionieren kann.
Neuerdings relativieren Psychologen den Ausdruck der Distanz und nennen es kritische oder kreative Distanz und kommen trotzdem nicht weiter, weil sie selbst gegenüber ihren eigenen unerträglichen und unbekannten Wesensanteilen verschlossen bleiben. Auch das Wort Empathie wird immer im gleichen Atemzug genannt, obwohl Empathie und Distanz wie Tag und Nacht funktionieren. Psychologen können beides anscheinend doch miteinander vereinbaren, aber nur in der Theorie, weil es in der Realität nicht funktioniert.
An dieser Stelle möchte ich noch für ein paar Freunde Zeugnis ablegen, die von Psychologen behandelt worden sind, nicht alle sind noch am Leben, aber einige schon, wenn man das so nennen kann. Vollgestopft mit Psychopharmaka, leben sie so dahin. Die Menschen, von denen ich spreche, sind sehr empfindsam, haben einen sehr hohen Anspruch an sich selbst und natürlich als Schlussfolgerung ein schlechtes Selbstwertgefühl. Die Ärzte, Psychologen und die Wissenschaft haben ganze Arbeit geleistet, sie haben sogar erreicht, dass Menschen, die noch leben, tot sind, mit Hilfe ihrer Psychologie und Wissenschaft, grandios.
Also suche ich nach einem Arbeitsplatz als Arzt, bei dem man zumindest diese veralteten und reaktionären Richtlinien in Frage stellt und auch bereit ist, bei der einen oder anderen Person innovativ neue Konzepte zur Anwendung zu bringen und sich selbst einzubringen, Ratschläge zu erteilen und Dinge aufzuzeigen, auch wenn es gegen die therapeutischen Regeln verstößt, die aus einer Psychologie stammen, die auf ganz wackligen Beinen steht.
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