Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) hat die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) zu Tarifverhandlungen aufgefordert und verlangt für die Ärzte an Universitätskliniken im Schnitt rund 9 Prozent mehr Gehalt. Als weitere Ziele nannte der MB eine umgehende Anhebung der Ostgehälter auf Westniveau und eine deutliche Erhöhung der Zeitzuschläge für Überstunden, Samstags- und Nachtarbeit. „Wir fordern von den Universitätskliniken nichts, was andere Klinikträger in Deutschland nicht schon geben. Im nationalen und internationalen Vergleich schneiden die Uniärzte ausgesprochen schlecht ab. Ihre Einkommen stagnieren seit 2003. Die Unikliniken müssen immer mehr mit dem Ärztemangel kämpfen. Überall im In- und Ausland gibt es deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten. So kann man der Hochschulmedizin nicht den nötigen Impuls geben. Unsere Forderung ist deshalb auch ein Beitrag gegen die weitere Ausbreitung der Wirtschaftskrise“, erklärte der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke. Im Jahr 2006 hatte der Marburger Bund nach wochenlangen Ärztestreiks erstmals einen eigenständigen Tarifvertrag für die rund 22.000 Ärzte an den Universitätskliniken abgeschlossen und damals drohende Einkommensverluste verhindert.
Als besonders wichtigen Aspekt hob Henke die im nationalen und internationalen Vergleich zu geringen Einkommen der Uniärzte hervor. So werde hierzulande ein Assistenzarzt beim privaten Klinikkonzern Helios ab Mai 2009 monatlich 7,7 Prozent mehr verdienen als ein Assistenzarzt an der Uniklinik. Noch gravierender seien die Einkommensunterschiede im internationalen Vergleich. „Unsere Gehaltsforderung ist geradezu bescheiden, wenn man daran denkt, dass in den Niederlanden rund 35 Prozent, in Großbritannien zirka 40 Prozent und in Norwegen bis zu 60 Prozent mehr verdient wird“, so Henke. Folge dieses Gehaltsgefälles sei eine zunehmende Abwanderung deutscher Ärzte ins Ausland. Verließen im Jahr 2001 rund 1.440 Ärzte Deutschland, waren es in 2006 bereits über 2.570 Ärzte. Mittlerweile seien insgesamt rund 19.000 deutsche Ärzte im Ausland tätig, gleichzeitig könnten über 4.000 offene Arztstellen hierzulande nicht besetzt werden.
Henke: „Angemessene Einkommensbedingungen sind ein wichtiger Schlüssel zur Verbesserung der Attraktivität des Arztberufes und zur Aufrechterhaltung einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung.“ Zudem würden Universitätskliniken im Wettbewerb um die besten Ärzte erfolgreicher bestehen, wenn sie auf das Einkommensniveau anderer Klinikträger aufschlössen. Bessere Arbeitsbedingungen seien aber nicht nur eine Frage höherer Grundgehälter. Nachholbedarf existiere zudem bei den bisher zu gering bemessenen Zeitzuschlägen für Überstunden, Samstags- und Nachtarbeit. „Wer Ärzten einen Nachtarbeitszuschlag von 1,28 Euro je Stunde zumutet, darf sich nicht wundern, wenn man das als Ausbeutung betrachtet“, so Henke.
Ein zentrales Anliegen der Ärztegewerkschaft sei darüber hinaus die umgehende Angleichung der Ostgehälter an das Westniveau, die unter anderem bei den kommunalen und privaten Kliniken längst umgesetzt sei. Henke: „18 Jahre nach der deutschen Einheit ist es mehr als dringend, die unsägliche Ost-West-Schere an den Unikliniken in den Abfalleimer der Tarifgeschichte zu befördern.“
Als weiteres Ziel der Tarifrunde 2009 nannte der MB die Einbeziehung aller Ärzte in den Geltungsbereich des arztspezifischen Tarifvertrages. Bisher seien davon nur Ärzte erfasst, die überwiegend in der Patientenversorgung tätig seien. So blieben beispielsweise Rechtsmediziner, Betriebsärzte und wissenschaftlich tätige Ärzte ausgeschlossen.
Der Vorsitzende des Marburger Bundes appellierte an die Tarifgemeinschaft deutscher Länder, auf die üblichen „tarifpolitischen Rituale“ zu Beginn der Verhandlungen zu verzichten und zügig im Sinne beider Tarifpartner den Abschluss zu suchen. „Wir reichen den Arbeitgebern unsere Hand für einen fairen Tarifvertrag, der keine Verlierer, sondern nur Gewinner kennt.“
(Quelle: Marburger Bund, 15.12.2008)
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