Nach einer Behandlung mit Tabletten oder Spritzen ohne Wirkstoff erleben bis zu 60 Prozent der Patienten dennoch eine Besserung ihrer Gesundheit. Ähnlich wie diese medikamentösen Plazebos wirken auch Scheinoperationen, dies belegen Studien. Ob eine Plazebochirurgie ethisch vertretbar ist und welche Rolle sie in der Versorgungsforschung spielt, diskutierten Experten auf einer Pressekonferenz am 16. Oktober 2008 anlässlich des VII. Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung vom 16. bis 18. Oktober 2008 in Köln.
Ob ein neues operatives Verfahren wirksam und sicher ist, muss durch klinische Studien belegt werden. In der Chirurgie ist es jedoch besonders schwierig, dafür optimale Bedingungen zu schaffen: "Kontrollierte klinische Studien sind in der Chirurgie leider noch viel zu selten, denn die Definition der Vergleichsgruppen und die technische Ausführung sind sehr aufwendig und mitunter kaum umsetzbar", sagt Professor Bauer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), Berlin. Neben den Patientenmerkmalen müssten die operativen Befunde und das gesamte, auch nicht-operative Behandlungskonzept vergleichbar sein.
Bei einer korrekt durchgeführten verblindeten Studie dürfen weder Betroffene noch Ärzte oder Pfleger von der angewandten Therapie Kenntnis haben. Patienten der Kontrollgruppe unterziehen sich dabei ohne es zu wissen einem innovativen Verfahren oder einer Scheinoperation - einem Schnitt ohne zielgerichteten therapeutischen Eingriff. "Viele Scheinoperationen sind deshalb praktisch undurchführbar und gelten zudem allgemein als unethisch", so Bauer, "insbesondere wenn es darum geht, die Auswirkungen auf die patientenrelevanten Endpunkte Schmerzen und Lebensqualität zu testen."
Auf der anderen Seite belegen Studien, wie aussagekräftig eine Plazebokontrolle auch bei neuen chirurgischen Verfahren ist. Schon das Umfeld im Operationssaal wirkt auf den Patienten. Sicherlich sei es nicht das Gleiche, so Bauer, wenn der Arzt einen kleinen Hautschnitt macht wie wenn er Bauch, Brustkorb oder Schädel öffnet. "Doch Scheinchirurgie ist nur dann vertretbar, wenn allenfalls zu vernachlässigende Risiken bestehen und der Patient sorgfältig aufgeklärt wird." Zudem müsse sicher sein, dass sich die untersuchte Frage nicht anders klären ließe.
Von Ethikkommissionen wird eine Kontrolle mittels Scheinoperation kritisch bewertet. "In den Versorgungsalltag lassen sich die Ergebnisse, die unter den Idealbedingungen einer klinischen Studie gewonnen wurden, oft nur schwer übertragen", wendet Professor Bauer ein. Hier hat die Versorgungsforschung anzusetzen. Viele Chirurgen befürchteten allerdings, dass neue vielversprechende Techniken eher als nutzlos für den Patienten eingestuft würden. Die DGCH setzt sich deshalb intensiv für eine sinnvolle Erprobung neuer chirurgischer Verfahren ein. Sie unterstützt im Rahmen des VII. Deutschen Kongresses für Versorgungsforschung den direkten Austausch zwischen den beteiligten Disziplinen.
(Quelle: Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e. V., 02.10.2008)
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