Seit April sollen Apotheker nur noch Medikamente abgeben, für die die jeweilige Krankenkasse Rabattverträge mit Pharmaunternehmen ausgehandelt hat. Ein Geduldsspiel für alle Beteiligten: Denn inzwischen haben 193 der 242 Krankenkassen Rabattverträge geschlossen für jeweils 300 bis 4600 Arzneimittel. Insgesamt betreffen die Verträge 12 123 Arzneimittel. Ohne Computer blickt da auch der versierteste Apotheker nicht mehr durch. So mussten in den letzten Wochen nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) über 1,3 Millionen Datensätze zusätzlich in die Apotheken-EDV eingespielt werden. Datengigantomanie!
„Die Situation ist katastrophal“, beschreibt Heinz Weiß, Geschäftsführer des Apothekerverbandes MV. Die Kunden seien missmutig, die Beratungszeit der Apotheker vervielfache sich zu Ungunsten der eigentlichen Therapie-Gespräche. „Patienten sind verärgert, weil es für etwa 80 Prozent der rabattbegünstigten Medikamente Lieferschwierigkeiten gibt.“ Hier benennt Weiß vor allem die AOK, die für 43 Wirkstoffe elf Hersteller vertraglich gebunden hat. Doch diese Pharmaunternehmen hätten einen Marktanteil von unter zwei Prozent. „Die Herstellerfirmen sind so klein, da sind Engpässe programmiert“, klagt Weiß.
Die AOK habe inzwischen reagiert und zwei Wirkstoffe aus den Verträgen genommen, wie Markus Juhls, Sprecher der AOK MV, mitteilt. Die Lieferschwierigkeiten schreibt er der Startphase zu. Inzwischen seien die Pharmafirmen mit den AOK-Rabatten gewachsen. „Ihr Marktanteil stieg in zwei Monaten auf zehn Prozent“, erklärt Juhls. Die AOK hat angeblich Preise bis zu 25 Prozent unter den günstigsten Apothekenverkaufspreisen ausgehandelt und verspricht sich bundesweit Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich pro Jahr.
Die Patienten indes warten. Etwa jeder zehnte Kunde müsse mit Nachlieferungen vertröstet werden, empört sich Michael Steffen. Günstigstenfalls könnte der Großhandel ein bis zwei Stunden später liefern. Schlimmstenfalls müssen die Patienten einige Tage warten. Für die Kurierleistungen müsse natürlich die Apotheke aufkommen, genau wie für den immensen EDV-Aufwand. In seiner Center-Apotheke werden täglich rund 800 Präparate ausgereicht, berichtet Steffen. Vor allem ältere Kunden und zu 60 Prozent chronisch Kranke kämen in die Stadtteilapotheke. Viele könnten die Vorschriften überhaupt nicht verstehen.
Der Arzneimittel-Kuchen ist verlockend. Rund zwei Milliarden Euro geben Kassen in Deutschland monatlich für Medikamente aus (in MV 630 Millionen Euro im Jahr). Davon möchte jeder Hersteller ein großes Stück und lässt dafür mit sich handeln. Die sparwütigen Krankenkassen ihrerseits sind bereit zu teilen. So sollen die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) in Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg zum Beispiel Ärzten Prämien zugesagt haben – 30 Prozent der Ersparnisse – , wenn sie nur rabattierte Mittel verschreiben.
„In Mecklenburg-Vorpommern gibt es das nicht“, wehrt AOK-Sprecher Juhls ab. „Wir lehnen solche Angebote ab, wir wollen am Einsparvolumen der Versicherten kein Geld verdienen“, unterstreicht Jürgen Grümmert von der Kassenärztlichen Vereinigung MV. Er kennt die „fürchterlichen Diskussionen“ über Rabatt-Verordnungen, die auch in Arztpraxen stattfinden. „Vor allem die älteren Patienten verstehen nicht, warum der Arzt das gewohnte, gut verträgliche Medikament nicht weiter verschreiben kann“, schildert Grümmert.
Die Debatten belasten das Arzt-Patienten-Verhältnis. Wie stark, das hätte doch die Messer-Attacke vor vier Wochen auf eine Schweriner Hausärztin gezeigt, erinnert Grümmert. Ein 73-jähriger Renter hatte die Allgemeinmedizinerin in ihrer Praxis brutal angegriffen, weil er nicht das gewünschte Medikament, sondern ein billigeres verordnet bekam.
(Quelle: Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, 19.06.2007)
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