Die Bezeichnung ”Sprechstunde” geht an der Realität in deutschen Arztpraxen vorbei. Es wird dort (zu) wenig gesprochen und natürlich hat der Patient keine Stunden Zeit, seine Nöte an den Fachmann zu bringen. In einem von der Stiftung Zuhören, dem Bayerischen Rundfunk, der Fachzeitschrift MMW-Fortschritte der Medizin und der Bayerischen Landesärztekammer veranstalteten Werkstattgespräch stellten Vertreter wichtiger Mitspieler im Gesundheitswesen Defizite in der Arzt-Patienten-Kommunikation fest und wiesen Wege zur Lösung des Problems der relativen Sprachlosigkeit in der Medizin auf.
In einem Impulsreferat ging Hermann Füeßl von der Fachzeitschrift MMW-Fortschritte der Medizin den Ursachen und Auswirkungen von Kommunikationsproblemen im Arzt-Patienten-Verhältnis nach. An erster Stelle steht natürlich der Zeitmangel. Die durchschnittliche Konsultationsdauer in deutschen Allgemeinarztpraxen beträgt nur 7,6 Minuten pro Patient, in der Schweiz haben die Patienten mehr als doppelt so lange Zeit, um mit ihrem Arzt zu sprechen. Der Zeitmangel mag das wichtigste, aber keineswegs einzige Hindernis für eine geglückte Kommunikation zwischen Arzt und Patient sein. Bereits im Medizinstudium liegt der Schwerpunkt der Ausbildung fast ausschließlich auf der Wissensvermittlung naturwissenschaftlicher Fakten, während die psychosoziale Dimension des Menschen zu kurz kommt. Eine systematische Anleitung in der Technik der Gesprächsführung fehlt weitgehend und wird erst in jüngster Zeit von einigen Fakultäten vermittelt. Obwohl 20-40% der Patienten in allgemeinärztlichen Praxen psychische Störungen aufweisen und ihre körperlichen Beschwerden damit in Zusammenhang stehen, werden diese Zusammenhänge oft erst nach langer Zeit oder überhaupt nicht erkannt. Auch während der Weiterbildung in den Krankenhäusern verhindern der hohe Patientendurchsatz und der ständig wachsende Zeitaufwand für Dokumentation und Bürokratie eine ausreichende Kommunikation mit dem Patienten. Moderne technische Verfahren werden von den Patienten zwar geschätzt, jedoch als selbstverständlich empfunden. Über die Zufriedenheit des Patienten mit seiner Behandlung entscheidet nach wie vor das persönliche Gespräch mit dem Arzt. Hier kann viel gut gemacht, aber auch viel verdorben werden.
Anhand einer schriftlichen Befragung von 171 Ärztinnen und Ärzten in der Praxis stellte die Soziologin Christiane Hemmer-Schanze fest, dass 90% der Ärzte meinen, der Arzt-Patienten-Kommunikation werde in der Ausbildung zu wenig Beachtung geschenkt . Dabei besitzt gekonntes Zuhören, Verständlichkeit der Ausdrucksweise und eine gute Gestaltung des Erstkontakts nach Ansicht der Befragten einen sehr hohen Stellenwert. 80% der befragten Ärzte gaben an, dass medizinische Lehrbücher und knapp 90%, dass die universitäre Ausbildung praktisch nichts zum Erwerb ihrer kommunikativen Fähigkeiten beigetragen hätten. Vielmehr hätten sie diese erst später im Lauf ihrer Berufstätigkeit durch eigene Erfahrungen, kollegiale Anleitung, Balint-Gruppen und Supervision erworben.
Diesen Kritikpunkt haben in den letzten Jahren verschiedene medizinische Fakultäten aufgegriffen. Ulrich Schwantes, Landarzt und gleichzeitig Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin der Charité Berlin organisiert mit großem Aufwand und viel Idealismus einen Reformstudiengang Medizin, bei dem die Studenten vom ersten Semester an die Kommunikation mit Menschen in verschiedenen medizinischen Situationen einüben. Zunächst noch mit Schauspielern, später mit richtigen Patienten, lernen sie, wie man schlechte Nachrichten überbringt, welche Regeln beim Umgang mit depressiven, aggressiven, verschlossenen oder redseligen Patienten zu beachten sind und wie man sich fühlt, wenn man selbst als Patient einem Arzt gegenüber sitzt.
Wie entscheidend die richtige Kommunikation mit Patienten für deren Einschätzung einer Behandlung ist, zeigte Adelheid Schulte-Bocholt vom Gesundheitsladen München e.V. auf. Als Vertreterin von Patienteninteressen wies sie darauf hin, dass fast alle Klagen gegen Ärzte wegen Kunstfehlern nicht durch den bedauerlichen Fehlschlag einer Therapie selbst, sondern vor allem durch den Umgang der Ärzte mit den Geschädigten entstehen würden. Selbst diese schwierigen Situationen können durch die richtige Kommunikation wesentlich entschärft werden.
Richtiges und gekonntes Zuhören des Arztes, Empathie und das Finden der richtigen Worte sind überragende Faktoren für die Zufriedenheit von Patienten mit einer Behandlung und mit der medizinischen Versorgung überhaupt. Gutes Zuhören ist somit ein Gesundheitsfaktor.
Der Einsatz der Stiftung Zuhören für eine zuhörfreundliche Gesellschaft – so die Vertreter der Ärzteschaft, der Patienten, der Versicherungen und der Politik in München – sei ein erster und wichtiger Schritt auf dem Weg zu dem Ziel, dem Zuhören im ärztlichen Selbstverständnis und im Gesundheitswesen die Rolle einzuräumen, die ihm als Gesundheitsfaktor zukommt.
(Quelle: Landesärztekammer Bayern, 27.10.2005)
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