Deutschland gehen die Ärzte aus. Grund ist nicht nur die Wechsel in andere Berufe. Immer mehr deutsche Jungmediziner, aber auch bereits niedergelassene Ärzte
wandern ins Ausland ab. Wie viele es tatsächlich sind, darüber lagen bisher lediglich Schätzungen vor. Die Landesärztekammer Hessen präsentiert nun erstmals eine
Analyse der Situation für Hessen ab dem Jahr 2000. Diese belegt unter Berücksichtigung von „Certificates of Good Standing“ und auf der Grundlage von Meldedaten der Kammer, dass die Zahl der ins Ausland abwandernden hessischen
Ärzte in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist.
Deutsche Ärzte, die im Ausland tätig sein wollen, benötigen für viele Länder ein „Certificate of Good Standing“ (Unbedenklichkeitsbescheinigung) ihrer Landesärztekammer.
In der hessischen Analyse dienten diese Bescheinigungen als
Indikator. So ist die Zahl der bei der Landesärztekammer Hessen beantragten „Certificates“ von 19 im Jahr 2000 bis auf 104 Anträge im 1. Halbjahr 2005 gestiegen. Bis zum Jahresende ist mit einer Zunahme auf das 10-fache gegenüber 2004 zu rechnen. Der Anteil der niedergelassenen Ärzte wächst: 2000 stellten sie nur 5,2 %, im Jahr 2004 dagegen schon 34,3 % aller Anträge.
Auffallend ist die zunehmende Abwanderung von Fachärztinnen und Fachärzten ins Ausland: 63 % im Jahr 2000 gegenüber 76 % im 1. Halbjahr 2005. Vor allem Fachärzte für Allgemeinmedizin nehmen immer häufiger die Möglichkeit wahr, im Ausland tätig zu sein. Derzeit sind rund 22% aller hessischen Antragsteller Fachärzte für Allgemeinmedizin, gefolgt von Anästhesisten (9%), Internisten (8%) und
Chirurgen (7%). Deutlich mehr Ärzte (zwei Drittel) als Ärztinnen zogen ins Ausland. Dass der Anteil der unter 35-jährigen kontinuierlich steigt, ist besorgniserregend:
Offensichtlich zieht es besonders jüngere Ärztinnen und Ärzte, die gerade ihre Weiterbildung zum Facharzt abgeschlossen haben, in andere Länder.
Weitere Indikatoren für die Analyse waren Meldedaten der Landesärztekammer. Derzeit sind 369 hessische Ärztinnen und Ärzte unter der Rubrik „Auslandsaufenthalt“ erfasst. Davon waren rund 30 % schon 1999 im Ausland, 261 haben ihren Auslandsaufenthalt erst im Zeitraum 2000 bis 24.06.2005 begonnen. Wie viele dieser 369 Ärztinnen und Ärzte jemals wieder nach Deutschland zurückkehren werden, lässt sich nicht vorhersagen. Allerdings ist die Zahl ehemaliger Mitglieder, die sich mit der Begründung „Wegzug ins Ausland“ bei der hessischen Ärztekammer abgemeldet haben, in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Vom
1. Januar 2004 bis 24. Juni 2005 sind 164 hessische Ärztinnen und Ärzte definitiv ins Ausland abgewandert; bis zum Ende des Jahres 2005 wird mit einem Anstieg bis auf
ca. 230 Personen gerechnet.
Das Angebot für deutsche Ärztinnen und Ärzte, die im Ausland arbeiten wollen, ist groß. Gute Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten erklären die Attraktivität.
Spitzenreiter unter den Anbietern ist nach einer Auswertung von Online-Stellenanzeigen des Deutschen Ärzteblatts die Schweiz, gefolgt von Österreich und Großbritannien. Im Rahmen der kürzlich im Auftag des Bundesministeriums für
Gesundheit und Soziale Sicherung erstellten Rambøll-Studie waren im Ausland kurativ tätige Ärztinnen und Ärzte befragt worden, ob sie nach Deutschland zurückkehren wollten. Die weit überwiegende Mehrheit (82%) der Befragten plante
keine dauerhafte Rückkehr; Hauptgründe waren „gut eingelebt“, „berufliche Perspektive“, „Verdienst“ (insbesondere Männer), „Vereinbarkeit von Beruf und
Familie (insbesondere Frauen) sowie „fachliche Interessen“ und „Aufstiegsmöglichkeit“.
Angesichts der aktuellen arztfeindlichen Tarifpolitik der hessischen Krankenhäuser
und der Landesregierung sowie der sich zunehmend verschlechternden
Arbeitsbedingungen auch im niedergelassenen Bereich wird die Zahl der aus Hessen
„flüchtenden“ jungen Ärzte wahrscheinlich auch im nächsten Jahr weiter rasch
ansteigen.
(Quelle: Landesärztekammer Hessen, 26.08.2005)
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