Die Gefahr eines dramatischen Ärztemangels in Mecklenburg-Vorpommern wird immer größer. Die Zahl der Haus- und Fachärzte wird sich durch die zunehmende Abwanderung der Ärzte und durch das altersbedingte Ausscheiden in die Rente verringern. Im ambulanten Sektor sind lange Wartezeiten für ärztliche Konsultationen bereits in vielen Fachgebieten Realität. Die wohnortnahe medizinische Betreuung der Bürger ist gefährdet und es droht ein Qualitätsverlust. In den nächsten sechs Jahren gehen, vorsichtig geschätzt, mehr als 450 Hausärzte und über 300 niedergelassene Ärzte anderer Fachgebiete in Mecklenburg-Vorpommern in den Ruhestand.
In den Krankenhäusern sieht die Situation nicht besser aus.
Zwar ist die personelle Überalterung hier noch nicht so gravierend, aber es herrscht gleichwohl ein permanenter Mangel an Medizinern. Derzeit sind in den 35 Akutkrankenhäusern 197 ärztliche Stellen vakant. Die im Zuge der Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie zu erwartende Umstellung der Dienstmodelle lässt eine weitere drastische Verschärfung des Personaldefizits in den Krankenhäusern prognostizieren. Wartelisten bei planbaren Behandlungen werden bald nicht mehr zu verhindern sein.
Derweil wandern weiterhin zahlreiche Nachwuchsmediziner ins Ausland oder in andere Bundesländer ab. Allein in den letzten vier Jahren haben 91 überwiegend junge Ärzte unser Bundesland in Richtung Ausland verlassen.
Wir haben ein Nachwuchsproblem, das nicht von der Hand zu weisen ist. Die stetig älter werdende Bevölkerung und die steigende Zahl der Krankheiten verlangen einen Anstieg der Arztzahlen – leider ist das Gegenteil der Fall. Die Zahl der Studienanfänger ist in den vergangenen Jahren konstant geblieben, die der Studienabbrecher jedoch gestiegen. Problematisch ist vor allem die Tatsache, dass immer mehr Absolventen der Humanmedizin sich nicht für den Arztberuf entscheiden und in anderen Gebieten tätig werden.
Neben der schlechten finanziellen Lage insbesondere der ambulanten Medizin in den neuen Ländern, hier ist der Ärztemangel am größten, ist es die gezielte Verunglimpfung der Ärzteschaft und die immer weiter zunehmende Bürokratisierung der ärztlichen Tätigkeit, die junge Menschen zur Abkehr vom Arztberuf bewegen.
Im Krankenhaus sind es die DGRs (diagnoseorientierte Fallpauschalenvergütung) und im ambulanten Bereich die DMPs (strukturierte Behandlungsprogramme, die einmal 80 Prozent der Versorgung ausmachen sollen), welche durch ihren bürokratischen Aufwand die eigentlich für Patienten notwendige Zeit des Arztes beanspruchen.
Durch den wirtschaftlichen Druck und die kaum noch mögliche Vermittlung von Arztpraxen an Nachfolger gehen zwangsläufig Arbeitsplätze in den Praxen verloren. Die niedergelassenen Vertragsärzte in Mecklenburg-Vorpommern sind mit über 8.000 direkten Beschäftigten ein wesentlicher Wirtschafts- und Beschäftigungsfaktor, obwohl fast 2 Mitarbeiter pro Praxis weniger beschäftigt werden als in den alten Bundesländern. Hier steckt ein Wachstumspotential von 5.000 neu einzustellenden Beschäftigten.
Auch junge Frauen finden deutlich weniger Ausbildungsplätze in den Arztpraxen in Mecklenburg-Vorpommern. Bei gleichen Ausbildungszahlen wie in den alten Bundesländern könnten jährlich mindestens 250 Stellen für Auszubildende zusätzlich geschaffen werden.
Das ambulante Gesundheitswesen ist endlich aktiv in die Arbeitsmarkt- und Ausbildungspolitik zu integrieren. Grundlage für diesen Beschäftigungszuwachs ist die mittelfristige Angleichung der Finanzmittel für die ambulante Versorgung im Osten an das Westniveau.
Deutlich mehr Mittel werden durch die vermehrte Bürokratie in Krankenhäusern und Arztpraxen verloren gehen.
So beinhaltet das Gesetz ein ausgeklügeltes Prüfsystem für die Praxisärzte, welches zu Lasten der Behandlungszeit gehen wird. Gleichzeitig werden die Arztpraxen durch das Eintreiben der so genannten „Schmidt-Gebühr“ (Praxisgebühr) zu Inkassounternehmen der Krankenkassen degradiert. Diese zunehmende Bürokratie wird noch mehr Ärzte aus der medizinischen Versorgung in einen frühzeitigen Ruhestand oder zu einer Abkehr von der Patientenbehandlung treiben.
Aus den oben genannten Gründen wird das gerade verabschiedete Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung all diese Probleme nicht wirksam bekämpfen.
(Quelle: Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, 08.10.2003)
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