Der anhaltende Trend, dass die Fachärzteschaft in Mecklenburg-Vorpommern zunehmend überaltert und der medizinische Nachwuchs den Kliniken und Praxen immer häufiger den Rücken kehrt, wird in wenigen Jahren zu einem bedrohlichen Ärztemangel in unserem Bundesland führen. Die Ärztekammer hat nun eine Arbeitsgruppe gebildet, die dieses Problem aufgreifen und konkrete Lösungsvorschläge erarbeiten soll. Zunächst sollen durch eine Umfrage in allen Kliniken dieses Landes genaue Daten zur Arbeitsplatzsituation erhoben werden.
Wer nach langjähriger Ausbildung erfolgreich sein Medizinstudium beendet hat, den erwartet ein dorniger Berufsweg – ein Anfangsgehalt, dass zum Teil nicht weit über Sozialhilfe-Niveau liegt, unzählige unbezahlte Überstunden sowie Dienst- und Bereitschaftspläne, die Freizeit häufig zum Fremdwort werden lassen.
Aus diesem Grunde geht fast die Hälfte aller Absolventen nach dem Medizinstudium nicht mehr in Klinik und Praxis, sondern sucht alternative Berufsfelder oder verlässt nach der klinischen Weiterbildung das Bundesland Richtung Schweiz, Frankreich oder Skandinavien.
Da gleichzeitig der Altersschnitt der berufstätigen Ärzte stetig steigt, ist ein Mangel an Fachärzten längst keine Zukunftsvision mehr. In Mecklenburg-Vorpommern sind im niedergelassenen Bereich bereits heute ca. 56% der Allgemeinmediziner und 72% der hausärztlichen Internisten über 50 Jahre.
Etwa 200 Stellen sind derzeit in Krankenhäusern schon nicht mehr zu besetzen, 700 Stellen wären es, würden die Vorgaben zur Arbeitszeit aus einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes umgesetzt.
Zahlreiche Vertragsärzte suchen zudem seit Jahren vergeblich nach einem Praxisnachfolger.
„Wer jetzt noch nicht aufgewacht ist und die Situation weiterhin bagatellisiert, gefährdet die flächendeckende medizinische Grundversorgung unserer Bevölkerung in naher Zukunft. Wir brauchen jetzt keine politische Schönfärberei, sondern praxistaugliche Lösungen.“ meint Dr. Andreas Crusius, Präsident der Landesärztekammer. Dabei müssten, so betont er, alle denkbaren Lösungswege überdacht werden. Eine Green-Card könnte zumindest kurzfristig für eine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt sorgen.
Dr. Crusius weiter: „Auf lange Sicht hin werden sich aber Politik und Krankenkassen der Aufgabe stellen müssen, die Rahmenbedingungen für die Ausübung des Arztberufes und damit die Attraktivität des Berufsbildes insgesamt zu verbessern, sonst bilden wir bald unsere jungen Ärztinnen und Ärzte nur noch für den Berufsweg im Ausland aus.“
Gerade in Mecklenburg-Vorpommern, wo die strukturellen und finanziellen Bedingungen so ungünstig sind, wie in keinem anderen Bundesland, ist der Ärzteschwund schon heute zu spüren. Bereits in einigen Jahren könnten die ersten Versorgungslücken entstehen.
Deshalb fordert Dr. Crusius: „ Wir wollen, dass Bereitschaftsdienst endlich als Arbeitszeit definiert wird, so, wie es der Europäische Gerichtshof mit Urteil vom 03.10.2000 festgelegt hat.
Dann brauchen wir in allen Kliniken Zeiterfassungssysteme, um den tatsächlichen Bedarf an Ärzten überhaupt feststellen zu können. Dieser Bedarf muss letztlich von den Krankenkassen finanziert werden.
Die Zeit der Geschenke von der Ärzteschaft an die Kassen durch die jährlich etwa 700.000 unbezahlten Überstunden in Mecklenburg-Vorpommern ist vorbei“
(Quelle: Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, 19.02.2002)
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